Das Erlösungsversprechen ist so harmonisch in die Paradiesdarstellungen auf den Flugblättern eingewoben, dass sie fast schon ohne Manipulation eine Persiflage ihrer selbst sind. Nicht nur, dass sich in diesem Menschenpark verschiedene Klimazonen samt Jahreszeiten überschneiden. Auch Flora und Fauna scheinen der Modelleisenbahn zu entstammen. Um das Idyll zu vervollkommnen, wird die Szenerie von domestizierten Raubtieren bevölkert, die sich von den glücklichen auserwählten Repräsentanten einer bunten Völkergemeinschaft liebkosen lassen.
Versatzstücke à la Best-of-Nature, zusammengestellt ohne Rücksicht auf Kontext und Herkunft. Der Garten Eden erscheint als eine Art Man-Made Paradise, in dem es Schönheit und Ressourcen im Überfluss gibt. Schließlich ist das Paradies den gläubigen Eliten vorbehalten! Hier ist der gute Mensch nicht länger den Schicksalsschlägen und Ungerechtigkeiten des Diesseits ausgeliefert, sondern erhält endlich den gerechten Lohn für all die Mühsal und Entbehrungen, die er zu Lebzeiten erdulden musste: Ewiges Leben unter geordneten Verhältnissen, in der Kinder zwar mit wilden Tieren spielen, ethnische Gruppen aber jeweils unter sich bleiben. Die vermeintliche himmlische Freiheit und Gleichheit Aller wird suggeriert, ist aber gleichzeitig moralischen Vorstellungen vom „Guten Leben“ untergeordnet.
Das Paradies als Sinnbild der beherrschten Natur entstammt allerdings einer ideologischen Vorstellung, die nicht nur von religiösen Heilsversprechen instrumentalisiert wird, sondern sich generell als Antwort auf irdische Ängste vor Ungewissheit und Verfall in verschiedenen Kontexten der abendländischen Kultur finden lässt. So ist die Montage ausgewählter Ausschnitte zu einer „höheren Wirklichkeit“ die gängige Methode, virtuelle Ersatzwelten zu erschaffen.
Life After Apocalypse ist somit auch nicht als Feldzug gegen die Sekte zu verstehen: Es ist vielmehr ein Spiel, um die Zwangsjacke kultureller Wertvorstellungen aufzubrechen, bereits angelegte Absurditäten konsequent zu Ende zu denken und damit Wirklichkeitskonstrukte wie eben diese „friedliche neue Welt“ mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Die Bildmotive des Ausgangsmaterials werden zwar zitiert, aber inhaltlich so weit überhöht, dass sie bizarre Züge annehmen. Groteske Äquivalente zu den ursprünglichen Elementen finden ihren Platz neben anderen, die ironisch auf bisher explizit ausgesparte Themen anspielen. Eine ambivalente Situation entsteht. Dabei werden Kitsch und Klischee zugleich reproduziert und unterwandert.